Metzgerei Philippin in Rutesheim stellt wegen Fachkräftemangel auf weitgehend automatisierten Selbstbedienungsbetrieb um; moderne Technik, rund um die Uhr geöffnet, Investition in Kamerasicherheit, gemischte Kundenreaktionen, Verpackungsproblem ungelöst.
Einzelhandel in Rutesheim: Fachkräftemangel: Metzgerei stellt auf Selbstbedienung um - Landkreis Böblingen Likely publishing date: 2026-04-07
Einzelhandel in RutesheimFachkräftemangel: Metzgerei stellt auf Selbstbedienung um
Seit Anfang des Jahres bietet die Familie Philippin Fleisch- und Wurstwaren sowie vieles mehr nicht mehr nur an der Theke an: Das SB-Geschäft ist sieben Tage die Woche geöffnet.
Der Rutesheimer Metzgermeister Frank Philippin ist ein Vorreiter in der Region. Anfang des Jahres war sein Geschäft in der Flachter Straße wegen Umbaus undModernisierungfür etwa drei Wochen geschlossen. In dieser Zeit wurde die bisherige elf Meter lange Frischetheke abgebaut und mit eine kürzeren Vier-Meter-Variante ersetzt. Mehr als die Hälfte der vorherigen Ladenfläche nimmt nun ein Selbstbedienungsbereich (SB) ein. Hier gibt es momentan ein Grundsortiment mit etwa 80 Artikeln – das je nach Bedarf noch erweitert werden kann. Alles ist hausgemacht, verpackt und gut gekühlt: Wurst, Fleisch, Kartoffel- oder Fleischsalate gibt es, saisonale Grillware oder auch alle möglichen Wurstvariationen in Dosen.
Zu den üblichen Geschäftszeiten gehen Tür und Schranke zum SB-Bereich und zur dahinterliegenden Frischetheke automatisch auf. Beim Bezahlen stehen der Kundschaft drei Selbstbedienungskassen zur Verfügung. Eine davon ermöglicht auch das Bezahlen mit Bargeld. Die Artikel werden vom Kunden selbstständig eingescannt, der ausgegebene Bezahlbon öffnet die Auslass-Schranke. Wer nicht fündig wurde und ohne Ware den Laden wieder verlassen möchte, erhält auf Knopfdruck einen Auslass-Bon. Betrug sei sinnlos, sagt Frank Philippin – das Geschäft ist mit intelligenten Kamerasystemen ausgestattet, die Diebstähle automatisch erkennen und zur Anzeige bringen.
Der 53-jährige Philippin führt das Metzgerei-Geschäft in vierter Generation
Frank Philippin führt das Geschäft in vierter Generation, gemeinsam mit seiner Mutter Waltraud und Bruder Thomas. Und er sagt, dieser Schritt hin zu mehr Technik sei alternativlos gewesen. „Die Situation des Fachkräftemangels ist so prekär, wir finden einfach keine Leute mehr.“ Deshalb habe er die Geschäftszeiten in der Vergangenheit auch schon eingeschränkt. „Wenn ich noch mehr reduzieren würde, könnte ich in geraumer Zeit ganz schließen.“
In keiner Berufsgruppe sei die Fachkräftelücke zuletzt so stark gewachsen wie bei Fleischfachverkäufern. Das zeigt auch eine Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Demnach hätten im Jahr 2025 im Durchschnitt 4665 Stellen nicht mit qualifizierten Bewerbern besetzt werden können. Das seien gut 40 Prozent mehr als im Vorjahr.
Metzgermeister: „Wir haben ein Imageproblem“
Diese Erfahrung hat auch Frank Philippin gemacht. Wenn er Stellen ausschreibe, komme keiner mehr. „Wir haben ein Imageproblem, der Beruf wird mit schlachten und viel Blut verbunden. Zudem leben wir in einer Wohlstandsgesellschaft mit hohem Freizeitanspruch, die Leute wollen nicht mehr so viel arbeiten, schon gar nicht an Samstagen.“ Keine Frage, er gönne jedem alles. „Doch das Resultat ist eben, dass wir Dinge anders machen müssen.“ Die Kosten des Umbaus in Höhe von etwa 600 000 Euro für die Selbstbedienung seien eine Investition in die Zukunft.
Für seine Kunden habe der Umbau „einen eindeutigen Mehrwert, sagt der Metzgermeister. Denn nun sei ein Einkauf im SB-Bereich sieben Tage in der Woche – einschließlich sonntags – von 7.30 Uhr bis 21 Uhr möglich. Samstags sogar schon ab 7 Uhr. Außerhalb der Metzgerei-Öffnungszeiten funktioniert der Einlass durch Vorhalten von EC- oder Kreditkarte. „Bei der jüngeren Kundschaft komme das Konzept durchweg gut an“, sagt der Metzgermeister. „Sie findet es gut, unabhängig von den Ladenzeiten einkaufen oder auch mal spontan am Sonntag Grillgut besorgen zu können.“
Die Zahl der Verpackungen lässt sich kaum reduzieren
Doch mit dieser Modernisierung macht sich Frank Philippin nicht nur Freunde. „Einige ältere Kunden sind verstimmt und haben schon gedroht, nicht mehr zu kommen, weil sie mit der modernen Technik nicht zurechtkommen oder ihre lange Theke zurückwollen.“ Für die SB-Unerfahrenen gelte: „Wenn jemand mit dem Kassensystem nicht zurecht kommt, sind wir da und helfen gerne.“ Nicht vermeiden ließe sich das Verpackungsmaterial. „Das haben wir aber auch an der Frischetheke, bei uns ist alles recycelbar“, meint Philippin.
AuchLothar Späthwar im Lamm beim Rostbratenessen
Die Gründung des Rutesheimer Traditionsbetriebs geht auf das Jahr 1910 zurück. Im dazugehörenden Gasthaus Lamm gab es früher legendäre Rostbratenessen. Ein Foto mit dem verstorbenen Vater Gerhard Philippin,Erwin Staudt(früherer Vorsitzender der Geschäftsführung von IBM Deutschland und später Präsident des VfB Stuttgart) sowie dem früheren CDU-Ministerpräsidenten Lothar Späth hängt noch immer in der Stube und zeigt, welch illustre Gesellschaft sich hier traf.
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Schon der Urgroßvater Otto Philippin hat das Ladengeschäft, damals noch mit Eingang in der Kirchstraße, im Jahr 1986 in großem Stil umgebaut. 2006 wurde dies zugemacht, der Altbau mit dem Neubau verknüpft und der Zugang der neuen, modernen Metzgerei um die Ecke in die Flachter Straße verlegt. Die Produktion wurde in der Folge vergrößert, weitere Kühlräume gebaut, die eigene Schlachtung indes eingestellt. Und das Bistro mit Mittagstisch kam hinzu.
Mit den Mitarbeitern „sind wir an der Belastungsgrenze“
Bereits 2019 erkannte Familie Philippin angesichts des Personalmangels akuten Handlungsbedarf. „Mit unseren rund 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Voll- und Teilzeit, die wir weiterhin beschäftigen, sind wir an der Belastungsgrenze“, erklärt der 53-jährige Frank Philippin. Nach einem ersten Gespräch mit Fachplanern im Januar 2025 sollte der Umbau ursprünglich im Sommer 2026 erfolgen. Doch die Familie entschied sich für eine Beschleunigung: „Warum warten? Es wird nicht besser.“
Bereits im Spätsommer 2025 waren Planung und Finanzierung abgeschlossen, der Umbau nach drei Wochen im Januar. Es sei gut angelaufen, sagt der Metzgermeister, der nun hofft, auch die SB-Kritiker überzeugen zu können.
ThekengeschäftDer herkömmliche Laden ist von Dienstag bis Freitag von 7.30 bis 12.30 Uhr geöffnet, dann wieder von 14.30 bis 18 Uhr. Mittwochnachmittag ist geschlossen, Montag ist Ruhetag. Samstags ist das Metzgerei-Personal von 7 bis 12.30 Uhr persönlich für die Kundschaft da.
SB-LadenDer Einkauf im Selbstbedienungsbereich ist an sieben Tage in der Woche, einschließlich sonntags, von 7.30 bis 21 Uhr möglich. Samstags sogar schon ab 7 Uhr.
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