Remberg Interview, HSV: doppelter Perspektivwechsel wegen Gelbsperre, Einblicke in Verteidiger-Mentalität, hohe Zahl Gelber Karten, defensive Stärke mit Team-DNA, Coaching-Rolle, Herausforderungen Bundesliga-Defensive, Fokus auf Klassenerhalt.
„Verteidigen ist vielleicht keine Kunst, aber einfach ist es auch nicht“ Likely publishing date: 2026-04-08
„Verteidigen ist vielleicht keine Kunst, aber einfach ist es auch nicht“
Im Interview mit HSV.de spricht Abräumer Nicolai Remberg über seine Passion fürs Verteidigen, die Defensiv-DNA der Rothosen und seinen speziellen Umgang mit Gelben Karten.
HSV.de: Rambo, am vergangenen Spieltag gab es für dich einen doppelten Perspektivwechsel: Du fehltest gelbgesperrt auf dem Platz und standest stattdessen in der ersten Hälfte erstmals auf der Nordtribüne. Wie war das?
Nicolai Remberg:Es war eine echt coole Erfahrung. Es war so abgesprochen, dass ich dort eine Hälfte schaue und dann zur Halbzeit in die Kabine zu den Jungs gehe, um ihnen auch ein paar Tipps geben zu können. So habe ich leider kein Tor gesehen, was mich etwas nervt. Aber ansonsten war es mal eine ganz andere Perspektive, aus der man sieht, wie die Fans das Team pushen und in welchen Momenten sie versuchen, etwa nach dem Gegentor, richtig laut zu sein. Das fand ich richtig cool. Ich habe auch versucht, alle Lieder mitzusingen und mit einzuhüpfen.
Wie sehr hat es gekribbelt, unten auf dem Platz zu helfen? Besonders die hektische Anfangsphase mit vielen Zweikämpfen war sicher nach deinem Geschmack.
Ich will immer spielen, kann mich aber damit abfinden, wenn die Gelbsperren nun einmal da sind. Aber natürlich habe ich mich gerade in einem Heimspiel und in der besagten Gemengelage gern auf dem Platz gesehen. Da juckt und kribbelt es dann schon, ganz gleich, ob es geil ist, mal alles von außen zu sehen.
Letztlich stand ein 1:1 – es war bereits der siebte Punktgewinn nach einem Rückstand und das zehnte Remis der Saison. Sind beide Faktoren Zeichen von Stabilität?
Klar, beides zeichnet uns aus. Wenn wir mit einem Rückstand in die Halbzeit gehen, dann siehst du den Jungs an, dass keiner den Kopf hängen lässt. Es kann in der Bundesliga immer passieren, dass man mal nicht gut im Spiel ist, aber wir wissen, dass wir immer in der Lage sind, Spiele auszugleichen oder gar zu drehen. Diese Mentalität ist ein großer Trumpf. Zugleich haben wir selbst nach einem Gegentreffer die Stärke, keine weiteren Tore zu kassieren. Wir rennen in diesen Situationen zwar viel nach vorn, wissen aber zugleich, dass es wichtig ist, hinten keinen weiteren Treffer zu bekommen. Diesbezüglich haben wir einen guten Mix verinnerlicht.
Stabil sind zudem auch die erst 13 Gegentore in der Rückrunde. Gemeinsam mit dem BVB und dem VfB seid ihr damit das beste Defensivteam. Was ist der Schlüssel zum Erfolg in der Verteidigung?
Dass man sich mit allem reinhauen muss, was man hat. Das entspricht auch meinem Spielertyp ganz gut. Natürlich klappt spielerisch nicht immer alles: mal verspringt dir ein Ball oder der Pass kommt nicht beim Mitspieler an. Aber in der Defensive kannst du dich immer zu 100 Prozent verausgaben. Das kann ich auf meiner Position einfach. Ich kann immer nach hinten rennen und jeden Ball wie verrückt jagen.
Du bist ein Spieler, der sich viel über die Arbeit gegen den Ball definiert. Kann man eine Art Stolz für das Verteidigen entwickeln?
Ja, auf jeden Fall. Wenn du hinten stabil stehst, kann vorn immer einer reinfallen. Es gibt nicht umsonst das Sprichwort: Offense wins games, defense wins championships. Du darfst die Offensive natürlich nicht vernachlässigen, aber jedes Spiel beginnt bei 0:0 und wenige Angriffe können zum Erfolg führen. Wir haben diesbezüglich als Mannschaft einen guten Mix gefunden.
Ganz blöd gefragt: Kann denn jeder verteidigen?
(lacht) Verteidigen ist vielleicht keine Kunst, aber so einfach ist es auch nicht. Klar, ich kann zu jedem Menschen auf der Straße gehen und ihm sagen: „Renn jetzt dorthin“ – aber ich habe auch genug Spieler im Fußball erlebt, die es in bestimmten Momenten nicht schaffen, konsequent immer wieder diesen letzten Schritt zu gehen oder diese letzte Aktion zu machen. Verteidigen ist schon eine Qualität, weil es viel über den Kopf und den Willen geht. Es geht darum, den eigenen Schweinehund immer wieder zu überwinden und sich einfach zu sagen: Ich gehe diesen letzten Schritt, ich marschiere jetzt noch einmal. Es entscheidet sich im Kopf: Will ich das mit voller Überzeugung oder gehe ich einfach irgendwie hin? Gerade in der Bundesliga musst du immer voll da sein.
Welcher Gegenspieler ist besonders schwer zu packen?
Wenn ich meine letzte Bundesliga-Saison noch einbeziehe, dann ist mir Nick Woltemade extrem aufgefallen. Ich habe es nicht oft, dass Spieler häufiger an mir vorbeikommen, weil es dann irgendwann rumms macht, aber er hat es oft geschafft, mit dem ersten Kontakt plötzlich an mir vorbei zu sein. Ich könnte aber viele Spieler nennen: Wirtz, Kane, Musiala. Jede Bundesliga-Mannschaft hat Spieler in ihren Reihen, die etwas Besonderes können.
Wie schafft man es als Mannschaft, eine defensive DNA zu verinnerlichen? Wo liegen etwa die Unterschiede zwischen den ersten Trainingseinheiten im Sommer und dem Hier und Jetzt in der Rückrunde?
Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich gleich zu Beginn dachte, dass das eine ordentliche Aufgabe wird und wir uns mit Blick auf die Laufbereitschaft gegenseitig erziehen müssen. In der 2. Liga hast du viel den Ball und es läuft rund, aber in der Bundesliga hat sich das Blatt gewendet. Du entwickelst den Glauben an eine Defensive, indem du dann viele Spiele aneinanderreihst, in denen du kein oder nur wenige Gegentore bekommst. Das ist ein Prozess. Unser Co-Trainer Richie, der die Defensive verstärkt im Fokus hat, oder unser Torwarttrainer Sven, der für das Verteidigen der Standards zuständig ist, zeigen uns häufig Statistiken und Sequenzen, in denen wir sehen, wie gut wir verteidigen. Wenn du siehst, wie wir alle in die Bälle reinfliegen, dann entwickelst du eine DNA, dass du nicht nur verteidigen musst, sondern dass es auch Bock macht zu verteidigen. Das siehst du auch jedem in der Abwehr an und es wird in unserer Mannschaft auch nicht geduldet, wenn jemand diesbezüglich larifari macht.
Wenn wir taktisch einmal eintauchen: Ihr verteidigt in verschiedenen Zonen, die mit Farben hinterlegt sind. Wer gibt zu Beginn und während eines Spiels eigentlich diese Verteidigungszonen vor?
Es wird vor einem Spiel festgelegt, in welcher Zone wir am meisten sein wollen und wann und in welchen spezifischen Momenten wir in die andere Zone übergehen wollen. Während des Spiels halten Sambi und ich die Kommunikation mit Merlin aufrecht, wenn etwas mal unklar ist. Natürlich kennt jeder den Plan und gibt ihn ein Stück weit vor, aber aufgrund meiner Position in der Mitte versuche ich schon, diese Rolle auszufüllen und immer wieder anzuschieben. Dazu zählen etwa auch viele meiner Gesten während des Spiels, mit denen ich versuche anzuzeigen, ob wir vor-, zurückschieben oder bleiben. Ich versuche das Coaching etwas in die Hand zu nehmen.
Wer sind grundsätzlich die Defensivanker im Team?
Wenn ich mich auf dem Platz umdrehe, dann habe ich immer ein gutes Gefühl, die Jungs hinter mich zu wissen, weil sie sich ebenso reinwerfen und etwas ausstrahlen. Klar, viele loben und konzentrieren sich immer auf Luka, weil es so beeindruckend ist, wie er den Luftraum beherrscht und alle Bälle wegschädelt, aber ich kann gefühlt jeden nennen: Auch einen Capi, Warmed, Jordan oder Ferro – da ist so viel Bereitschaft vorhanden und daraus resultiert am Ende eine gute Verteidigung mit wenig Gegentoren.
Wenn es Probleme in der Verteidigung gibt, dann beim Verursachen von zu vielen Elfmetern und Platzverweisen. Gibt es dafür eine Erklärung?
Das ist von Fall zu Fall immer unterschiedlich zu bewerten. Handelfmeter sind generell im Fußball schwierig, da kannst du je nach Haltung immer mal blöd aussehen. In der Box sind es verallgemeinert gesagt am ehesten Unkonzentriertheiten. Wir sind eine Mannschaft, die immer viel auf Ballgewinne geht, doch im Strafraum ist das nicht immer sinnvoll. Wir stochern da mal zu gern und haken mal nach. Da müssen wir besser werden. Auch bei den Gelb-Roten und Roten Karten. Das ist auch Thema bei uns, dass wir das im Griff bekommen müssen. Vielleicht ist es auch ein Prozess, den wir im ersten Jahr Bundesliga durchmachen.
Du selbst hast die meisten Gelben Karten im Team gesammelt, bist genau wie in der Vorsaison (11 GK) bereits zweistellig. Gehören die Karten einfach zu deinem Spiel dazu, oder willst du das reduzieren?
Ja, definitiv. Wenn mir jemand kommt und sagt, dass ich weniger Gelbe Karten kriegen soll, dann reagiere ich nicht darauf. Das ist mein Spiel. Ich brauche das, um selbst voll drin zu sein und auch dem Gegner zu zeigen, dass es so heute nicht geht. Ich analysiere all meine Gelben Karten und sie resultieren nie aus unfairen Aktionen. Ich kann immer mal jemanden blöd treffen und wollte das nicht, aber durch meine Position und Spielweise bin ich einfach auch sehr häufig in der Situation, dass ich dann mal ein Foul begehen muss. Auch die eine oder andere Rudelbildung gehört dazu. Ich bin niemand, der weggeht. Ich stehe für meine Mitspieler ein, das ist in mir drin. Meine Art Fußball zu spielen, sieht manchmal rustikaler aus, als sie vielleicht ist. Auch das führt mal zu der einen oder anderen vermehrten Gelben Karte.
Anders als der eine oder andere Mitspieler bist du in der Bundesliga noch nie vom Platz geflogen. Wie gelingt dir das und verteidigt es sich anders mit einer Gelben Karte im Rücken?
Ich ziehe diesbezüglich den Hut vor unserem Trainerteam. Es gibt auch Trainer, die hektisch werden und nach einer frühen Gelben Karte der Auffassung sind, dass man schnell wechseln muss. Das hatte ich in dieser Spielzeit im Pokal in Heidenheim nur einmal und dann war es auch klar besprochen. Ansonsten vertrauen mir die Trainer. Ich habe das im Hinterkopf, ziehe ein taktisches Foul eher nicht und spiele etwas vorsichtiger. Zugleich bin ich aber auch in Köln vorgewarnt noch zweimal zu einer Grätsche runtergegangen. Auch das ist mein Spiel, ich muss immer am Anschlag sein. Ich versuche dem Trainer auch dieses Gefühl zu geben, mir vertrauen zu können.
Abschließend: Sechs Spiele stehen noch aus. Worauf wird es im Kampf um den Klassenerhalt, in dem gefühlt noch die halbe Liga irgendwie drinsteckt, ankommen?
Wir wollen bei uns bleiben. Mich hat kürzlich jemand im Interview mit dem Restprogramm konfrontiert und gefragt, ob ich Schiss vor den guten Gegnern habe? Da habe ich gesagt: Wenn du mit Schiss ins Spiel gehst, hilft es dir nie. Ich habe eher eine große Vorfreude auf diese Partien wie am Sonntag gegen Stuttgart, ein Team, das um die Champions League mitspielt und mehrere WM-Spieler in ihren Reihen hat. Wir haben gezeigt, dass wir gegen Top-Teams punkten können. Wir können mithalten und sind voll motiviert, unsere Punkte in den nächsten Spielen zu holen. Es war nie meine Stärke, zu überlegen, wie viele Punkte für den Klassenerhalt reichen könnten. Es mag ein Alibi-Fußballer-Satz sein, aber manchmal hilft es dir wirklich, von Spiel zu Spiel zu gucken. Das Rechnen bringt dich nicht weiter, wir haben eine gute Ausgangslage.
Und auf dich wartet am Wochenende womöglich wieder ein Perspektivwechsel, wenn du das Team als Kapitän anführst?
Ich habe schon kurz darüber nachgedacht und wie man an meinem Grinsen merkt, ist das immer etwas Besonderes. Es ist eine Ehre. Ich finde es richtig, richtig cool, aber möchte der Aufgabe einfach gerecht werden und definiere mich darüber nicht.