Christoph Peters schildert in Roman „Entzug“ eigene Nahtod-Erfahrung durch Alkoholsucht; autofiktionaler Einblick in Suchterkrankung, Entzugsklinik, gesellschaftliche Relevanz, künstlerische Schaffensprozesse, literarische Auszeichnungen.


Roman „Entzug“: Wie sich der Schriftsteller Christoph Peters um ein Haar zu Tode gesoffen hätte - Kultur Likely publishing date: 2026-04-08

Roman „Entzug“Wie sich der Schriftsteller Christoph Peters um ein Haar zu Tode gesoffen hätte

In einem betörenden Sprachrausch erzählt Christoph Peters in seinem Roman „Entzug“ von der Hölle der Alkoholsucht und dem Glück des Überlebens.

Vielleicht liegt es daran, dass wir in kranken Zeiten leben, jedenfalls handeln in den letzten Jahre eine Reihe bedeutender Romane von Krankengeschichten. Wobei man natürlich fragen könnte, ob sich Literatur überhaupt nicht eher an dem Hinfälligen als an dem drall Gesunden und Propren entzündet. Doch um einer schnell ins Uferlose geratenden Romantisierung des Leidens gleich entgegenzutreten, sei vorangeschickt, dass die Bücher, die man hier im Auge haben könnte, mit der abgehalfterten Gleichung von Genie und Wahnsinn allenfalls insofern zu tun haben, als in ihnen selbst noch die vernichtende Demaskierung beliebter Kreationsmythen zum Werk gerinnt. Oder in den Worten des Ich-Erzählers namensChristoph Petersin Christoph Peters’ neuemRoman„Entzug“: „Ich habe einen Beruf, für dessen Ausübung jede Erfahrung in Material verwandelt werden kann.“

In diesem Fall ist es die Erfahrung, dass die für das Schreiben für notwendig erachteten alkoholinduzierten Grenzüberschreitungen über Jahre an einen Punkt gelangt sind, an dem in einem unkontrollierbaren Tremor alles zu entgleiten droht: die Familie, der Beruf, der eigene Körper. Hinter den Buchrücken am Schreibtisch sind Flaschen mit Spirituosen verborgen, was in seinem trostlosen Realismus zugleich metaphorisch über sich hinausweist, als stünde hinter jedem Künstler letztlich ein Alkoholiker – „da geht es insgesamt, gerade was Alkohol und Drogen anlangt, immer etwas wilder ab als, ich sag mal, unter normalen Leuten“.

Autor Christoph Peters über Kunstfreiheit„Kunst ist dazu da, uns weh zu tun“

Rationalisierungen wie diese zählen zum Alltag des Trinkers, der hier gerade an der Fertigstellung eines Romans verzweifelt, ebenso die entwürdigende verdeckte Versorgungslogistik mit dem stimulierenden Stoff. Die Frau und das Kind sollen schließlich nichts merken, Kunststück bei einer durchschnittlichen Betriebstemperatur von 2,3 Promille, sich häufenden Aussetzern, mit keinem noch so penetranten Mittel mehr zu überdeckenden Fahnen und einem Zittern, das jedem sofort vor Augen führt, welche Grenze hier längst überschritten wurde. Trotzdem dauert es seine Zeit bis das nurmehr als trügerisches Hologramm seiner Selbst aufrechterhaltene Ich zu der erlösenden Einsicht gelangt: „Ich bin Alkoholiker. Ich muss einen Entzug machen.“

Doch bevor man ins Nacherzählen gerät, was nun in einer Berliner Entzugsklinik folgt, vielleicht ein paar Worte zur Person. Der auch als Bildender Künstler arbeitende Christoph Peters erregte zuletzt Aufsehen mit seinem Großstadtroman „Innerstädtischer Tod“ – zu Recht wegen der literarischen Kraft der aktualisierenden „Übermalung“ von Wolfgang Koeppens „Tod in Rom“, unglücklicherweise aber auch,weil sich darin ein Berliner Galerist wiedererkennen wollteund auf ein Verbot geklagt hatte. Was er nun in aller Ungeschütztheit autofiktionalen Schreibens preisgibt, ist wie manches frühere Werk mit dem eigenen Leben – hier besser Überleben – signiert.

Die außerordentliche Qualität dieses „Entzugs“ liegt in dem, was Roman und Sachbuch unterscheidet – und damit auch das Interesse derer beanspruchen kann, die keine Neigung verspüren, sich mit deprimierenden Fallgeschichten zu beschweren. Denn was diese Mitschrift der Ereignisse verdichtet, ist nicht nur frei nach Joseph Roth die Tragödie eines heiligen Trinkers, sondern auch die Wirklichkeit, auf die er reagiert. Dazu gehören Bilder einer Urangst, deren expressive Wucht weit über den Punkt, an dem das individuelle Gedächtnis einsetzt, hinausführt in die schutzlose Dunkelheit der Vorzeit, „als die Vorfahren durch die afrikanische Steppe zogen, des Nachts die mächtigen Beutegreifer ums Lager streiften, deren Sinne so viel schärfer waren als unsere“.

Beunruhigender wurde das „unvergleichliche Gefühl“ selten beschrieben, wenn gegen den Horror vacui Cognac die Wärme aus dem Magen durch die Blutbahn schießt, „eine Wolke aus Trost und Glück“. Doch ernüchternder kann man das darauf gegründete Lügengerüst nicht zum Einsturz bringen, das den Exzess zur existenziellen Erfahrung überhöht: „Auf einmal stellt sich heraus, dass all das, von dem ich mir immer eingebildet habe, es handele sich um singuläre Erlebnisse, mehr oder weniger das Standardprogramm fortgeschrittenenAlkoholismus’ darstellt – dass ich kein radikalindividualistischer Grenzgänger bin, sondern ein gleichgeschalteter Suchtkranker.“

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Ein Fall für das Sanatorium – spätestens seit Thomas Manns „Zauberberg“ der adäquate Schauplatz für den modernen Gesellschaftsroman. Auch in den Leidens- und Zimmergenossen des Erzählers begegnet man einem Querschnitt durch alle Schichten. Und während sie – viele bei einer Rückfallquote von 90 Prozent nicht zum ersten Mal – das therapeutische Programm durchlaufen, macht der Leser eine Entwicklung in die andere Richtung durch: jene ringen darum, von ihrem Suchtstoff loszukommen, ihm wird der Roman immer mehr zu einem solchen, so bedrückend man anfangs die Teilhabe an den ausweglosen Wiederholungszyklen empfunden haben mag, in die Christoph Peters’ betörender Sprachrausch versetzt.

Die Ereignisse liegen 20 Jahre zurück. Der „fürchterliche Roman“, mit dem er damals gerungen hat, ist längst erschienen. Die Panik, mit dem Alkohol die innere Notwendigkeit, die Dunkelheit und den Schmerz, die Synapsenfeuerwerke und Adrenalinschübe als Basis des Schreibens zu verlieren, hat sich nicht erfüllt. Mittlerweile ist Christoph Peters ein passionierter Teetrinker geworden – und wie sein „Entzug“ unter Beweis stellt, einer der besten Autoren unserer Tage.

Christoph Peters: Entzug.Roman. Luchterhand. 400 Seiten, 24 Euro.

AutorChristoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit „Innerstädtischer Tod“ (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Christoph Peters’ Roman „Innerstädtischer Tod“ ist zum juristischen Streitobjekt geworden. An diesem Samstag erhält der Autor in Aalen den Schubart Literaturpreis. Ein Gespräch über gesellschaftlich relevante Literatur und was sie bedroht.

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