Till Brönner kündigt neue Tournee in Stuttgart an, thematisiert Ende musikalischer Gesetzesbrecherei im Jazz, präsentiert italienische Songs aus persönlicher Biografie, betont authentische Arrangements, erreicht Chart-Erfolg mit Album „Italia“.
Startrompeter kommt nach Stuttgart: Till Brönner: „Die Zeit der musikalischen Gesetzesbrecherei ist vorbei“ - Kultur Likely publishing date: 2026-04-10
Startrompeter kommt nach StuttgartTill Brönner: „Die Zeit der musikalischen Gesetzesbrecherei ist vorbei“
Der Startrompeter Till Brönner gastiert am 15. April mit seinem neuen Album „Italia“ in der Stuttgarter Liederhalle. Im Interview erklärt er seine Begeisterung für Italien.
Till Brönnerhat auf seinem Album „Italia“ Jahrzehnte gereifte italienische Songs mit seiner Trompete interpretiert. Das ästhetische Ideal des Jazzmusikers sei die menschliche Stimme, sagt er – und verrät, wie er verhindern will, dass seine Instrumentalversionen zu Fahrstuhlmusik verkommen.
Herr Brönner, können Sie einem Nicht-Trompeter erklären, was Mund und Finger tun müssen, damit eine Trompete nach Sommer inItalienklingt?
Der Mund ist wichtiger als die Finger. Aber noch wichtiger als Mund und Finger sind tatsächlich alle Atemwege: Man muss in der Lage sein, die Luft möglichst komprimiert durchs Instrument zu schicken, und dafür muss man sie erstmal irgendwo herholen. Tatsächlich empfinde ich mich aber als jemanden, der die Trompete nur als Vehikel verwendet, um etwas zu sagen oder vielleicht sogar zu singen. Das ästhetische Ideal ist für mich die menschliche Stimme, und an der orientiere ich mich mit meiner Trompete sehr intensiv.
Und gibt es eine spezielle Technik, die das zum Klingen bringt, was Ihre Zuhörer mitSommer in Italienassoziieren?
Die Trompete ist ja kein per se italienisches Instrument. Wenn ich Ihnen eine Mandoline anbieten und darauf die ersten Töne spielen würde, dann hätten Sie gleich das Gefühl, unter Zitronenbäumen zu sitzen. Aber die Trompete ist nicht zuordenbar. Meine Herausforderung besteht also darin, trotz eines sehr universellen Instruments dafür zu sorgen, dass italienisches Gefühl aufkommt. Das tut die Peripherie, also das Arrangement und letztlich auch die Auswahl des Stücks.
In der Video-Beschreibung auf YouTube zu Ihrer Instrumentalversion des Songs „Amarsi Un Po“ werden Sie folgendermaßen zu Melancholie zitiert: „Dieses Terrain zwischen Tränen und Lachen – das ist ein unglaublich fruchtbarer Boden.“ Was gedeiht auf diesem Boden?
Es ist ein sehr künstlerischer Nährboden. Aus Sonne und Wonne ist künstlerisch noch nie etwas Langfristiges erwachsen. Aber die Frage, warum etwas nicht geklappt hat oder warum wir uns von bestimmten Begegnungen nicht erholen möchten oder können – die treibt uns alle um. Das künstlerisch zu verarbeiten, ist das, was zu Menschen durchdringt, weil sie sich dort wiederfinden.
Sie behaupten auch, dass man auf Ihrem Album „Italia“ viel von der Mentalität der Italiener hört. Können Sie diese Mentalität in Worte fassen?
Ich bin da Anfang der Siebzigerjahre aufgewachsen, es war eine tolle Zeit. Italiener können Erdverbundenheit sehr gut mit Weltgewandtheit und Stilsicherheit verbinden. Die Pionierleistungen im Bereich des Designs, der Kunst und beispielsweise auch des Essens sind nie stark genug, um davon abzulenken, dass die Familie in Italien das Wichtigste ist. Trotz aller Äußerlichkeit, die ja letztlich eine Zugewandtheit gegenüber dem Leben ausdrückt, ist die Basis, auf der man sich verständigt, in Italien das Katholisch-Sein. Das schlägt sich an vielen Stellen in einer humanen Lebenseinstellung nieder, von der ich manchmal denke, dass sie uns in Deutschland ein bisschen abhandengekommen ist.
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In der Werbung für Ihr aktuelles Album „Italia“ steht die Formulierung, man habe die Lieder so präsentiert, „dass es nachTill Brönnerklingt“. Wie klingt Till Brönner?
Ich bin als Instrumentalist oft in der Situation, dass ich mir theoretisch zwar jeden Song vornehmen könnte, den jemand anderes mal gesungen hat. Allerdings besteht dabei in nicht wenigen Fällen die Gefahr, dass der gesungene Song ein bisschen zur Fahrstuhlmusik verkommt, wenn man ihn instrumental präsentiert. Deshalb lohnt es sich sehr, darauf zu achten, ob die Trompete überhaupt eine Version liefern kann, die man als halbwegs unentbehrlich empfinden möchte – oder zumindest als originell. Immer, wenn ich das Gefühl habe, das etwas überflüssig ist, verliere ich das Interesse. Durch die Einbettung der Trompete und das Arrangement, durch die Reduziertheit und manchmal durch bewusstes Verstärken der Trompete versuche ich etwas zu kreieren, das man im weitesten Sinne als sowas wie den Till-Brönner-Sound empfinden mag. Wenn mir Ärzte sagen: „Ich operiere seit 15 Jahren nur zu ihrer Musik am offenen Herzen“, dann ist das ein Kompliment, das man gar nicht hoch genug werten kann.
Abgesehen von Ihrer Kindheit: Warum haben Sie sich für ein Album und eine Tournee mit italienischen Songs entschieden – und nicht beispielsweise für spanische?
Wichtig scheint mir bei solchen Entscheidungen zu sein, dass man eine Geschichte erzählen kann, die wahr ist. Authentizität vermittelt sich fast automatisch, weil Menschen einen siebten Sinn dafür haben, ob sie gerade einen Bären aufgebunden bekommen, oder ob es tatsächlich die Wahrheit ist. Manchmal ist die Wahrheit, selbst wenn sie ganz absurd ist, fast schon ein Garant für kommerziellen Erfolg.
Was bedeutet die Kategorie „wahr“ in instrumentaler Musik wie Ihrer?
Der italienische Teil in meiner Biografie sorgt dafür, dass ich mich dem Thema mit einer sehr persönlichen Sicht nähere, aber versuche, dieser wunderbaren Zeit und diesem sehr schönen Land musikalisch auf die Schliche zu kommen. Es ist eine Art Respektbekundung. Außerdem habe ich festgestellt, dass man auch auf dem Instrument viel überzeugender agieren und dem Stück eine andere Tiefe verleihen kann, wenn der Text geeignet ist, dass ich beim Spielen an ihn denken kann und ihn verinnerliche.
Entsteht auf diese Weise Neues?
Heute gibt es kaum noch musikalische Gesetzesbrecherei, sondern es sind viele Recycling-Projekte in Umlauf, die zwar auf Referenzen verweisen können, deren Publikumserfolg jedoch nicht über die Frage hinwegtäuscht, was man wirklich Neues in der Welt der Musik zuwege gebracht hat. Musik findet sich inzwischen in einem Bereich der erschlossenen Wissenschaft wieder, sodass Wiedererkennbarkeit und Unverwechselbarkeit über andere Kriterien hergestellt werden müssen, als über die objektive Gesetzesbrecherei.Jimi Hendrixzum Beispiel war in den Sechzigerjahren ein echter Pionier. Niemand hatte zuvor je so Gitarre gespielt wie dieser Mann. Das ist in der Musik heute generell nicht mehr spürbar, nicht mal im Jazz. Die Zeit der musikalischen Gesetzesbrecherei ist vorbei.
MusikerTill Brönner (54) ist in Viersen geboren und ist in Rom in den Kindergarten gegangen. Der Jazztrompeter unterrichtet sein Instrument auch als Professor und arbeitet nebenher als Porträt-Fotograf. Rund 30 Jahre nach seinem ersten Album veröffentlichte er im September 2025 die Liedersammlung „Italia“, die in Deutschland Platz 5 der Albumcharts erklimmen konnte.
KonzertAuf seiner „Italia“-Tournee gastiert Till Brönner mit seiner Band am Mittwoch, 15. April, im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle. Das Konzert beginnt um 20 Uhr.
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