Tirol bleibt jährlich auf über 70 Millionen Euro Kosten für Gastpatienten sitzen; Forderung nach direkter Abrechnung zwischen Bundesländern, Kritik am alten Verteilungsschlüssel; Wien unterstützt Reformforderung, andere Länder zurückhaltend.


Teure Gastpatienten: Rufe nach Reformen - tirol.ORF.at Likely publishing date: 2026-04-10

10.04.2026 13.56 Online seit heute, 13.56 Uhr

Teure Gastpatienten: Rufe nach Reformen

Auf einem Minus von über 70 Millionen Euro bleibt Tirol bei den Gastpatienten aus anderen Bundesländern jährlich sitzen. Die Landesregierung fordert eine direkte Abrechnung zwischen den Bundesländern bei den Spitalskosten. Während der Vorstoß in Wien unterstützt wird, reagieren andere Länder zurückhaltend.

Patientinnen und Patienten aus anderen Bundesländern, die in Tirol medizinisch behandelt werden, sind für das Land ein teures Minusgeschäft. Tirol bleibt jährlich auf mehr als 70 Millionen Euro sitzen. Aus dem Landhaus kommen deshalb vehemente Forderungen nach Entlastung.

Gefordert wird eine direkte Abrechnung der Kosten zwischen den Bundesländern. Seit geraumer Zeit schwelt bereits zwischen Wien und Niederösterreich ein politischer Konflikt. Beinahe jeder fünfte Spitalspatient in Wien kommt aus einem andern Teil Österreichs, vornehmlich aus dem benachbarten Niederösterreich.

Kosten von über 100 Millionen Euro

In Tirol waren es 2024 fast 12.700 Patientinnen und Patienten aus anderen Bundesländern – die Mehrheit davon stammt aus Kärnten, gefolgt von Salzburg und Vorarlberg. Um den Mehraufwand für Gastpatienten abzugelten, fließt vom Bund ein Fixkostenbeitrag – „Vorweganteil“ genannt – an die Länder. Tirol wird mit 29,9 Millionen Euro bedacht.

Die Kosten für die inländischen Gastpatienten belaufen sich in Tirol jedoch auf 101,3 Millionen. Negativ würden neben Tirol auch die Bundesländer Salzburg und Wien bei den Gastpatienten aussteigen, erklärte Tirols Gesundheitslandesrätin Cornelia Hagele (ÖVP). Im Umfeld des Treffens der Finanzreferenten der Bundesländer in Innsbruck warb sie daher für eine Änderung der Patientenverrechnung.

Ein Plädoyer an die Solidarität

Gegenüber dem ORF Tirol mahnte Hagele die Solidarität aller Länder ein. Ziel müsse es sein, die Kosten „direkt“ mit dem Gesundheitsfonds anderer Bundesländer abzurechnen – und umgekehrt. Werden Tirolerinnen oder Tiroler in einem anderen Teil Österreichs in einem Krankenhaus behandelt, „dann müsste beispielsweise Oberösterreich mit dem Tiroler Gesundheitsfonds abrechnen“, erklärte Hagele. Sie verspricht sich davon „eine größere Transparenz“.

Die derzeitige Regelung ist eine Vereinbarung, die auch Tirol unterschrieben hat. Daran werde man sich auch halten, betonte die Gesundheitslandesrätin. Die Vereinbarung läuft aber 2028 aus. Bis dahin müsse eine neue Regelung unter den Bundesländern verhandelt werden.

Die Reformpartnerschaft, aber auch die Landeshauptleute-Konferenz biete dafür die Möglichkeit. Den Vorsitz der Landeshauptmann-Konferenz führt derzeit Tirol mit Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP). Er unterstützt den Vorschlag seiner Partei- und Regierungskollegin. Das Geld müsse der Leistung folgen, so Mattle.

In Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hat Tirol bereits einen Verbündeten gefunden. Der Vorschlag sei „durchaus ein vernünftiger“, so Ludwig im ORF-Interview. Er sieht eine Diskussionsgrundlage, „auf der man weitere Gespräche führen kann.“ Zurückhaltender gibt sich Kärntens Gesundheitslandesrätin Beate Prettner (SPÖ).

„Bei uns in Kärnten hält sich dieses Thema in Waage. Das heißt, wir behandeln in etwa so viele Patienten wie auch außerhalb von Kärnten behandelt werden“, so Prettner. Für Tirol trifft das im Gegenzug aber nicht zu. Nach Angaben des Landes beträgt allein der Mehraufwand für Kärntner Patientinnen und Patienten, die in Tirol behandelt werden, rund 30 Millionen Euro.

Hagele kritisiert Aufteilung der Gelder

Abseits der Gastpatientenregelung kritisierte Hagele weitere Diskrepanzen in der Finanzierung des Gesundheitswesens. Auch bei der Verteilung der Gelder für die Bundesländer aus dem großen, österreichweiten Sozialversicherungstopf werde Tirol gemessen an der Bevölkerungszahl „völlig benachteiligt“, so die Kritik.

Der Aufteilungsschlüssel stamme aus dem Jahr 1994 und müsste laut Hagele längst angepasst werden aufgrund der aktuellen Bevölkerungszahlen. Dem Land würden dadurch pro Jahr 61,4 Millionen Euro entgehen. Sie sieht daher „starken Reformbedarf“. Um diesen Aufteilungsschlüssel zu verändern, wäre ein Beschlusses des Nationalrates nötig. Auch dieses Thema könnten die Landeshauptleute gemeinsam anstoßen.