Psychotherapeutin in Böblingen behandelt erstmals Privatpatienten nach Honorarkürzungen; 4,5 Prozent weniger Vergütung für gesetzlich Versicherte; steigende Nachfrage, lange Wartelisten, Berufsverband klagt gegen Kürzungen.
Nach Honorarkürzungen: Böblinger Psychologin: „Ich muss jetzt gegen meine Überzeugungen gehen“ - Landkreis Böblingen
Nach HonorarkürzungenBöblinger Psychologin: „Ich muss jetzt gegen meine Überzeugungen gehen“
Die Böblinger Psychotherapeutin Heike Baltzer ist wütend. Sie trifft die Honorarkürzung hart. Entgegen ihrer Überzeugung muss sie nun eine unliebsame Entscheidung treffen.
Neben Allgemeinmedizinern und Kinderärzten sind Psychotherapeuten eine der begehrtesten Berufsgruppe im Gesundheitssystem. Gerade nach den belastenden Pandemiejahren ist der Bedarf bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen groß, größer als ihn das Angebot decken kann.
„Zuerst war ich geschockt, dann wütend. Und diese Wut hält weiter an.“
Dennoch müssen gerade die Psychotherapeuten eine Kürzung ihres monatlichen Honorars hinnehmen. Ab April erhalten sie für die Behandlung von gesetzlich Versicherten nämlich 4,5 Prozent weniger Vergütung.Der Berufsverband klagt gegen den Beschluss.
Diese Gehaltseinbußen betreffen auch Heike Baltzer. Die Psychologische Psychotherapeutin praktiziert seit fast zehn Jahren in einer eigenen Praxis in Dagersheim. An den 11. März, als der Beschluss vom sogenannten „erweiterten Bewertungsausschuss“ – einem Gremium aus Kassenärztlicher Vereinigung, dem Bund der Krankenkassen sowie unparteiischen Mitgliedern – gefasst wurde, erinnert sich Baltzer so: „Ich habe von der Nachricht von unserem Berufsverband und im Austausch mit Kollegen erfahren. Zuerst war ich geschockt, dann wütend. Und diese Wut hält weiter an.“
Die Wut rühre aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit. „Wir empfinden es als ungerecht, dass wir als kleinste Berufssparte innerhalb der Fachärztegruppe am meisten abgeben müssen. Gutverdienende Fachärzte werden verschont. Es wäre fairer und wirtschaftlicher, auch dort einzusparen“, beklagt Baltzer.
Sorge auch wegen steigender Fixkosten
Dass ursprünglich sogar zehn Prozent Honorarkürzungen angedacht waren und das Ergebnis mit 4,5 Prozent kleiner ausgefallen ist, stellt für Baltzer nur einen schwachen Trost dar: „Wir haben monatlichen Fixkosten wie Miete, Online-Sprechstunden, Strom, Heizung, Wasser, Technik oder Abrechnungssystemen, die zuletzt auch angestiegen sind. Manche haben auch Mitarbeitende.“
Immerhin: Heike Baltzer hat keine Mitarbeiter angestellt. Auch habe sie keine kleinen Kinder mehr oder pflegebedürftigen Eltern zu versorgen, sodass die Einbußen nur sie träfen.
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Für die Psychotherapeutin gebe es mehrere Möglichkeiten, das Minus auszugleichen: „Eine Option wäre, mehr zu arbeiten. Das geht aber nicht, denn letztlich würde das auch meine Gesundheit gefährden. Seriös behandeln kann ich achtPatientenpro Tag. Man muss bedenken: Unsere Arbeit ist fordernd.“
Eine andere Möglichkeit sieht die Psychotherapeutin in der Einschränkung privater Aktivitäten. Das sei zwar schmerzhaft, aber Heike Baltzer sagt auch: „Im Vergleich zu anderen Menschen verdiene ich noch immer in Ordnung.“
„Entgegen meinen Werten“ – neuer Weg nötig
Daher hält sie eine andere Variante derzeit für am wahrscheinlichsten: „Entgegen meiner Überzeugung und jahrelangen Praxis werde ich auch Privatpatienten behandeln. Eigentlich lehne ich die Zwei-Klassen-Medizin ab. Ich sehe mich nun aber gezwungen, diesen Weg zu gehen.“ Sie rechne damit, dass durch die Aufnahme von Privatpatienten zwangsweise weniger gesetzlich versicherten Patienten bei ihr therapiert werden können. „Das ist eigentlich genau das, was wir nicht wollen“, kritisiert die Böblingerin.
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Es verschärfe nämlich ein Problem: „Die Nachfrage überwiegt das Angebot bei weitem. Die Warteliste ist mit rund 200 Menschen auch bei mir ist lang. Ich muss wöchentlich Menschen, die verzweifelt anrufen, abweisen. Das tut mir im Herzen leid“, erläutert die Psychotherapeutin. Die regelmäßigen Absagen gegenüber kranken Menschen, die Hilfe benötigten, fühle sich oftmals schwieriger an als die Arbeit mit Patienten, die immerhin an schweren Erkrankungen wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen leiden.
Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) führt für den KreisBöblingeneinen Versorgungsgrad von 129,2 Prozent. Das bedeutet, dass der Landkreis rechnerisch „überversorgt“ ist und keine weiteren Kassenzulassungen mehr möglich sind. Dass Bedarfsplanung und Realität auch in diesem Fall nicht zusammengehen, sieht auch ein Sprecher der KVBW so. Auf Anfrage erklärt dieser: „Die Bedarfsplanung ist eine Vorgabe der Politik. Danach sollen ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten aus Kostengründen begrenzt werden. So kann es sein, dass ein Bereich gesperrt ist, während es Wartezeiten bei Terminen gibt. Wir sehen durchaus Engpässe.“
Heike Baltzer befürchtet, dass psychisch Belastete zukünftig noch geringere Chancen haben könnten, rechtzeitig eine Therapie zu erhalten und später letztlich in einer psychiatrischen Klinik zu landen: „Das hat schwerwiegende Folgen für den betroffenen Menschen, sein Umfeld und das Gesundheitswesen.“
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Die Nachricht, dass Psychotherapeuten von nun an weniger verdienen sollen, ginge auch an ihren Patienten nicht spurlos vorbei, erzählt Heike Baltzer: „Mittlerweile haben mich schon Patienten angesprochen, die ihren eigenen Therapieplatz anderen anbieten wollen, denen es womöglich noch schlechter geht, weil sie wissen, dass es Engpässe gibt. Diese Menschen würden sich und ihre psychische Gesundheit also opfern. Das lehne ich natürlich ab.“ Es zeige aber, in welcher Schieflage sich die ambulante Versorgungslage befände.
BegründungDer GKV-Spitzenverband führt an, dass niedergelassene Psychotherapeuten in den vergangenen Jahren „überproportionale Honorarerhöhungen“ erhalten hätten, was rein zahlenmäßig durchaus korrekt ist, allerdings wichtige Faktoren außer Acht lässt – etwa eine deutlich gestiegene Arbeitsbelastung oder auch den Umstand, das psychotherapeutische Leistungen vor der Erhöhung lange vergleichsweise niedrig bewertet waren. Auch hätten Psychotherapeuten sogenannte Strukturzuschläge, zum Beispiel für Personalkosten, bekommen.
ProblemEin Problem laut KVBW ist auch, dass Psychotherapeuten aufgrund der langen Behandlungszeit von circa einer Stunde und teils mehreren Jahren weniger Patienten behandeln können als Fachgruppen. Mit dem gleichzeitig gestiegenen Bedarf kommt es zu einem Missverhältnis.
Der GKV-Spitzenverband kürzt die Honorare für psychotherapeutische Leistungen ab April um 4,5 Prozent. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung lehnt dies ab.
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