Abschied der Stuttgarter Filmemacherin Sigrid Klausmann mit letzter Doku „Girls Don’t Cry“; sechs Mädchen aus sechs Ländern berichten zu Selbstbestimmung, Flucht, Traumata; Premiere in Stuttgart ausverkauft.
Stuttgarter Filmemacherin: Sechs Mädchen, sechs Länder: „Girls Don’t Cry“ ist Sigrid Klausmanns letzte Doku - Kultur
Stuttgarter FilmemacherinSechs Mädchen, sechs Länder: „Girls Don’t Cry“ ist Sigrid Klausmanns letzte Doku
Nach 20 Jahren Dokumentarfilm ist Schluss: Mit „Girls Don’t Cry“ gibt Sigrid Klausmann noch einmal jungen Menschen, die auf ein selbstbestimmtes Leben hoffen, eine Stimme.
Es ist ihr letzterFilm, und er ist besonders eindringlich. Dabei hat dieStuttgarter Filmemacherin Sigrid Klausmannin „Girls Don’t Cry“ eigentlich nur das gemacht, was sie schon immer tut: Sie öffnet Türen in andere Lebensrealitäten, sie hört ihrem Gegenüber genau zu – und nimmt die Zuschauenden ganz selbstverständlich mit in diese Begegnungen. In Länder auf vier Kontinenten führt die Filmreise; sechs Mädchen erzählen von Hoffnungen und Ängsten beim Blick auf eine herausfordernde Gegenwart, in der Selbstbestimmung für junge Frauen keine Selbstverständlichkeit ist. Da ist zum Beispiel Nancy, die in Tansania vor der drohenden Genitalverstümmelung in ein Schutzhaus floh.
Wenn „Girls Don’t Cry“ am 21. April im Beisein der Regisseurin sowie ihres Mannes und Mitproduzenten,dem Schauspieler Walter Sittler, seine StuttgarterPremierefeiert, dann wird es auch um Abschied gehen. Tatsächlich soll es Sigrid Klausmanns letzter Film sein, wie die Filmemacherin am Telefon berichtet. Zwanzig Jahre sind vergangen, seit die ausgebildete Lehrerin mit der Dokumentation über einen kasachischen Stelzenartisten ihr Debüt im neuen Metier gab; eine Zeitspanne, in der auch das Machen und Finanzieren von Filmen nicht leichter wurde.
„Ich bin jetzt 71 Jahre alt und habe das Ende meiner Karriere bewusst gewählt. Zwei unserer drei Kinder leben im Ausland, wir haben eine Enkeltochter und mein Mann und ich wollen noch einmal andere Prioritäten setzen“, sagt Sigrid Klausmann. Zum Finale greift sie die Themen, die sie in Filmen wie dem Porträt der eigenwilligen Erzieherin Lisette oder derSchulweg-Doku-Reihe „199 kleine Held*innen“anstimmt, noch einmal mit der ihr eigenen Intensität auf und befragt dafür eine besonders fragile Gruppe von Protagonistinnen.
Dass es einen Unterschied macht, in welchem Geschlecht man geboren wird, fiel Sigrid Klausmann schon bei der Arbeit an „199 kleine Held*innen“ auf. Aus dem Nachdenken über ungleiche Chancenverteilung entstand das neue Projekt, das explizit Mädchen eine Stimme geben will. Statt Kindern rückt sie die nächste Altersstufe in den Mittelpunkt.
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„Zu sehen sind Mädchen in der Pubertät, jedes bringt seine eigene Geschichte mit. Sie haben den Wunsch nach mehr Freiheit und einem eigenständigen Leben, sie verlieben sich. Das sind die Themen, die Menschen verbinden“, sagt die Filmemacherin zur Idee von „Girls Don’t Cry“. Zu diesen Mädchen gehören Paige, die in England als alleinerziehende Teenagermutter mit beeindruckender Stärke ihren Weg geht. Nina, die sich als Roma-Mädchen in Serbien behaupten muss. Die BMX-Meisterin Sinai, die den Schönheitshype in Korea hinterfragt. Selenna in Chile, die als Junge zur Welt kam. Und Sheelan, deren jesidischer Familie im Irak schlimmstes Leid widerfuhr und die nun mit ihrer Mutter in Tübingen lebt. Tränen laufen ihr über die Wangen, als sie zurückblickt und sagt: „Das vergisst man nicht.“
Im positiven Sinn unvergessliche Momente bietet der Film viele. Wenn sich die Kamera zu Paige und ihrer Freundin in ein winziges Zimmer gesellt, glücken ehrliche Einblicke in die Gewissenskonflikte, in die beide durch ungewollte Schwangerschaften kamen. Nicht nur ihre Erfahrung als Filmemacherin hilft Sigrid Klausmann. „Ich selbst habe überhaupt keine Berührungsängste mit so einem beengten Umfeld, da ich mit sieben Geschwistern aufgewachsen bin“, sagt sie. Das habe ihr Gespür geschult. „Ich fühle, wann ich willkommen bin, aber auch: Jetzt ist genug.“
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Ihre Geheimzutat beim Drehen heißt Geduld, den Dingen ohne Druck die Zeit zu geben, die sie brauchen. „Dieser Raum für Gespräche fehlt jungen Menschen so sehr“, sagt Sigrid Klausmann und beobachtet auch bei Filmvorführungen ein großes Bedürfnis, sich mitzuteilen. Nicht in der Gruppe, da sei die Scheu zu groß vor den blöden Bemerkungen anderer. Doch viele suchen den persönlichen Dialog mit der Filmemacherin. „Die Mädchen im Publikum spüren, dass sie gemeint sind und sie äußern sich sehr klar darüber, wie sie der Film emotional berührt hat“, sagt Sigrid Klausmann.
Dreharbeiten kosten viel Energie und Geld
Menschen eine Stimme zu geben und sie über Kontinente hinweg ins Gespräch zu bringen: Das ist ein Anliegen von Sigrid Klausmanns Arbeit. Auch in „Girls Don’t Cry“ hat sie sich Themen vorgenommen, die bleiben. „Meine Filme kommen nicht aus der Mode. Im Gegenteil: Sie sind heute aktueller als bei ihrer Entstehung“, sagt sie. Sie werde weiterhin in Schulen und zu Veranstaltungen eingeladen. „Ich muss nicht noch einmal in den Kampf gehen“, sagt sie zum Kraftakt von Dreharbeiten. Außerdem koste ein Film auch viel Geld, ihn zu finanzieren sorge für Frust. „Mein Nervenkostüm ist dünner. Jetzt ist Schluss“, sagt die Filmemacherin, obwohl sie die Sicht von Jungs interessieren würde: „Partnerschaften auf Augenhöhe ergeben glücklichere Gesellschaften.“
Was bleibt für sie persönlich? Sigrid Klausmann muss nicht nachdenken: „Die Arbeit mit jungen Menschen ist ein einziger Gewinn. Die Begegnungen mit ihnen in anderen Ländern haben mir tiefe Einblicke erlaubt und ich habe viel von der Welt erfahren und verstanden. Das ist ein Reichtum, den mir niemand nimmt.“
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TerminDieStuttgart-Premiere von„Girls Don’t Cry“ im Atelier am Bollwerkam 21. April ist bereits ausverkauft. Am 3. Mai gibt es deshalb dort eine zweite Möglichkeit, die Regisseurin im Gespräch zu erleben, um 15 Uhr führt sie in den Film ein. Regulärer Kinostart ist am 30. April.
ProjektSigrid Klausmann hat für die Umsetzung des Films ihre litauische Kollegin Lina Luzyte als Co-Regisseurin ins Boot geholt, um parallel produzieren zu können. Bei der Suche nach starken Mädchen haben professionelle Rechercheure geholfen – und auch der Zufall. So führte eine Idee von Kultusministerin Theresa Schopper zu Sheelan nach Tübingen. „Sie regte an einmal zu zeigen, wie es den Jesidinnen geht, die 2015 ins Land kamen“, sagt Sigrid Klausmann. „Aber die Suche war schwierig. Alle sind extrem traumatisiert.“ Dass sie Maja Göpel für die Schirmherrschaft des Films gewinnen konnte, freut die Regisseurin. „Sie ist für mich eine der wichtigsten weiblichen Stimmen in Deutschland.“
Die Sittlers„Girls Don’t Cry“ ist ein Familienprojekt. Die in Schweden lebende Tochter Lea hat die Songs für den Film komponiert und mit Musikern dort eingespielt. Produziert hat Sigrid Klausmann die Doku mit ihrem MannWalter Sittler, gewidmet ist sie ihrer Enkeltochter stellvertretend für alle, die das Leben noch vor sich haben. Deren Geburt sei ein wichtiger Auslöser für die Umsetzung des Films gewesen. „Ich habe mich gefragt, wie es ihr einmal ergehen wird, wenn sie groß ist“, sagt Sigrid Klausmann.
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