Missbrauchs-Enthüllung im SOS-Kinderdorf: Betroffene Marina Hubmann veröffentlicht Buch, berichtet brutale Gewalt, gründet Unterstützungsverein. Leitungswechsel bei SOS-Kinderdorf Österreich. Heimleitung zeigte früher keine Konsequenzen bei Missbrauchsanzeigen.

Betroffene: „Ich bin fast gestorben“ - tirol.ORF.at

18.04.2026 19.01 Online seit heute, 19.01 Uhr

Betroffene: „Ich bin fast gestorben“

Die von schweren Misshandlungen im SOS-Kinderdorf betroffene 43-jährige Tirolerin Marina Hubmann hat das Erlebte nun in Buchform zusammenfasst. Sie kam im Alter von sieben Jahren mit ihren Geschwistern aus prekären Familienverhältnissen in ein SOS-Kinderdorf in der Steiermark und wurde dort jahrelang von ihrer Kinderdorfmutter misshandelt.

Marina Hubmann hat im SOS-Kinderdorf im steirischen Stübing zwischen 1989 und 1993 vor allem durch ihre damalige Kinderdorfmutter brutale Gewalt erfahren müssen. Kinder, die in solche Einrichtungen wie das SOS Kinderdorf kommen seien eigentlich die vulnerabelste Gruppe, weil sie aus sozial schwachen Familien kommen, teilweise keine Eltern mehr haben und oft zuvor bereits Schlimmes erlebt haben, so Hubmann.

Statt geschützt worden zu sein, sei sie aber nur noch mehr traumatisiert worden: „Es war Gewalt auf allen Ebenen. Das war für mich gefühlt wie in einem Kriegsgebiet. Ich habe einfach schauen müssen, dass ich irgendwie überlebe und habe so meine Strategien entwickelt, dass ich es auch konnte – weil ich fast gestorben bin.“

Hubmann will Bewusstsein in der Bevölkerung schärfen

Über ihre Zeit im SOS Kinderdorf hat Marina Hubmann ein Buch geschrieben, das kürzlich erschienen ist. Mit dem Schritt an die Öffentlichkeit und der Gründung eines Unterstützungsvereins wolle sie Missbrauchsopfern von Kinderheimsystemen eine Stimme geben und das Bewusstsein in der Gesellschaft für die Problematik schärfen, sagt die 43-Jährige.

SOS-Kinderdorf befindet sich mit der Reformkommission und der internen Neustrukturierung in einem Veränderungsprozess. Bei Marina Hubmann und anderen Opfern hat sich die Leitung für das Geschehene entschuldigt. Man wolle genau hinschauen und nichts relativieren, hieß es. Im Rückblick darauf sagt Marina Hubmann, dass ihr das zu wenig sei. „Es gehört etwas Neues her, etwas Zeitgemäßes. Diese Systeme sind meiner Meinung nach veraltet.“

Meldung an Heimleitung ohne Konsequenzen

Bereits als Kind hat sich Marina Hubmann wegen der Misshandlungen durch ihre Kinderdorfmutter an die Heimleitung gewendet und obwohl der Fall dokumentiert wurde, hat es keine Konsequenzen im Sinne des Opferschutzes gegeben. Die 43-Jährige findet es wichtig, dass die Missbrauchsfälle nun nach und nach bekannt werden und Beachtung finden.

Eine Veränderung gibt es unterdessen erneut an der Spitze von SOS-Kinderdorf Österreich. Anne Schlack, seit zwei Jahren als Geschäfsführerin tätig, hat ihr Dienstverhältnis gekündigt und wird die Institution Ende Juni verlassen.