Geplanter Abriss des Wittwer-Gebäudes am Stuttgarter Schlossplatz spaltet Stadtgesellschaft; Architekt:innen und Initiative #SOS Brutalism fordern Denkmalschutz. Eigentümer und Stadtverwaltung favorisieren Abriss, Buchhaus zieht um.

Stuttgarter Architekten alarmiert: “Weder zeitgemäß noch verantwortungsvoll“ – Architekten über Wittwer-Abriss - Stuttgart

Stuttgarter Architekten alarmiert“Weder zeitgemäß noch verantwortungsvoll“ – Architekten über Wittwer-Abriss

Die Initiative #SOS Brutalism will das Wittwer-Gebäude unter Denkmalschutz stellen. Abreißen oder Erhalten? Was sagen Stuttgarter Architekten und der Baubürgermeister dazu?

Kaum ein Stuttgarter, der noch nie einen Roman oder ein Reisebuch„beim Wittwer“gekauft hat. Das Geschäftshaus am Kleinen Schlossplatz, im Volksmund das Wittwer-Haus genannt, wurde 1970 von Kammerer + Belz und Partner zusammen mit Max Bächer errichtet. Die Dinkelacker AG, Eigentümerin des Baus im Herzen Stuttgarts,hat jüngst verkündet, dass er das Gebäude abreißenlassen will.

Die Nachricht, dass für 2030

2032 derAbrissdes markanten Gebäudes am Schlossplatz geplant ist und das Buchhaus im Winter 2027

2028 in einen Neubau auf dem früherenSportarena-Geländean der Ecke Königstraße

Ecke Schulstraße umzieht, beschäftigt viele Bürgerinnen und Bürger, aber auch Leute vom Fach.Die Initiative #SOS Brutalism– die sich für den Erhalt von Betonbauten einsetzt – fordert jetzt, das Gebäude solle unter Denkmalschutz gestellt und erhalten werden.

Stuttgarter Architekturbüros äußern sich zum geplanten Abriss

Abgesehen vombaukulturellen Werteines solchen Gebäudes stellt sich die Frage, ob in Zeiten des Klimawandels der Abbruch des Gebäudes tatsächlich alternativlos ist. Wir haben bei bekannten Architekturbüros, Lehrenden und dem Baubürgermeister nachgefragt, wie Sie zu diesen Abrissplänen stehen: Was wäre eine gute Lösung? Sollte der wichtige Stadtbaustein weichen für etwas Neues oder erhalten bleiben?

Florian Kaiser, Architekt, Professor für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Gründer desStuttgarter Architekturbüros Atelier Kaiser Shen: „Vor einigen Jahren hatte mich bereits der Abriss von Teilen des Quartiers Calwerpassagen schockiert.

Nun bin ich absolut fassungslos, dass mit dem Wittwer-Gebäude das nächste Haus von Kammerer + Belz zur Disposition steht. Mich bewegt nicht nur die im Gebäude gebundene graue Energie, sondern insbesondere die architektonische Qualität dieses herausragenden Stadtbausteins.“

Architekt Hans KammererStuttgarter Bauten, die jeder kennt

Martina Baum, Architektin bei Studio Urbane Strategien sowie Direktorin des Städtebauinstituts und Professorin für Stadtplanung und Entwerfen an der UniStuttgart: „Das Gebäude erzählt die Geschichte der Stadt, insbesondere jene des kleinen Schlossplatzes. Es artikuliert eine klare städtebauliche Haltung und zeigt Präsenz. Trotz dieser Prägnanz ist es porös und offen. Es verwebt sich auf den verschiedenen Niveaus mit dem Kontext und lädt ein, hineinzugehen.

Der Argumentation, das Gebäude erfülle die neuesten Standards nicht, setze ich eine Autoanalogie entgegen: Ein Oldtimer hat auch nicht die neueste Technik. Er ist ein Kind seiner Zeit, hat seine Eigenheiten und seine Geschichte. Wenn wir ihn pflegen und wertschätzen, dann macht er noch lange Freude, auch wenn nicht jeder ihn fahren möchte. Suchen wir doch lieber nach neuen Nutzungen, die die Qualitäten des Gebäudes wertschätzen, anstatt es abzureißen.Ich hatte dazu bereits einen Vorschlag gemacht: ein Ort der Bildung und Forschung im Herzen der Stadt. Das wäre innovativ.“

Martin Haas, Architekt und Mitbegründer desStuttgarter Büros haascookzemmrich STUDIO2050sowie Gastprofessor an der University of Pennsylvania, USA: „Als Büro, das sich konsequent einer nachhaltigen und ressourcenschonendenArchitekturverpflichtet fühlt, betrachten wir den geplanten Abriss des Wittwer-Gebäudes, das Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt ist, mit großem Bedauern.

Vor dem Hintergrund der aktuellen ökologischen Herausforderungen erscheint der Rückbau eines bestehenden, grundsätzlich nutzbaren Bauwerks weder zeitgemäß noch verantwortungsvoll. Der Erhalt und die Weiterentwicklung von Bestandsstrukturen müssen heute als zentrale Strategie im Umgang mit unserer gebauten Umwelt verstanden werden – nicht als Ausnahme.

Architekt Martin Haas und sein Stuttgart„Stuttgart grummelt. Stuttgart ist so wenig selbstverliebt. Das gefällt mir.“

Wir sind überzeugt, dass gerade in der Transformation des Bestands ein erhebliches architektonisches, ökologisches und kulturelles Potenzial liegt, das es zu nutzen gilt. Ein Abriss an dieser Stelle sendet aus unserer Sicht ein falsches Signal im Hinblick auf die dringend notwendige Bauwende.“

Stefanie Weidner, Architektin, Vorständin und Director Sustainability Strategies bei der Werner Sobek AG in Stuttgart:

„Nachhaltiger Städtebau braucht einen sensiblen Umgang mit Baukultur und Stadtgeschichte. Gleichzeitig müssen wir die Anforderungen und Bedürfnisse von heute berücksichtigen. Nur so können wir unsere Innenstädte attraktiv und lebendig halten. Es liegt an uns Planenden, hierfür die Voraussetzungen zu schaffen. Wichtig ist hierbei einintegrativer Ansatz, der die ökologischen, ökonomischen und funktionalen Interessen aller Beteiligten bestmöglich berücksichtigt.“

Sascha Bauer,Gründer des StuttgarterBüros Studio Cross Scale: „Der Wettbewerb Mitte der 1960er war ein Versprechen: ein offenes Haus, mit frei zugänglichen Ebenen, mit direktem Zugang zum kleinen Schlossplatz, mit öffentlichem Programm für alle. Dieses großmaßstäbliche Versprechen und seine über die Jahre adaptierten räumlichen Erfahrungen sind heute nur noch in Fragmenten lesbar. Die später ergänzte Freitreppe ist wieder verschwunden. Der kleine Schlossplatz ist eingekapselt. Der offene Stadtraum, der das Gebäude einst einbettete, hat sich verändert.

Aber das Haus selbst bleibt ein Zeitzeuge zwischen zahlreichen Baustilen um den Schlossplatz. Es steht für den Aufbruch der Stuttgarter Innenstadt nach dem Krieg, für eine Demokratisierung des öffentlichen Raums und für einen Treffpunkt jenseits des digitalisierten Alltags.

Wer diesen Bestand abreißt, vernichtet einen Zeitzeugen und eine Ressource, die sich nicht zurückgewinnen lässt. Das ist kein sentimentales Argument. Es ist auch ein ökologisches und ein sozialräumliches, denn insbesondere an diesem Standort erwächst eine stadtgesellschaftliche Verantwortung.

Engagierter Architekt in StuttgartDer Architekt, der die Stuttgarter Villa Knosp rettet

Das Transformationspotenzial dieses materialehrlichen Hauses muss daher erprobt werden – experimentell, offen, mit Beteiligung. Was wäre, wenn die Ebenen zum Ort des Ausprobierens würden?

Wer daher die Königstraße weiterdenkt, braucht diese Orte des Zusammenkommens,des Erlebens, des Gesprächs. Das Haus Wittwer muss genau das bleiben – ein Angebot für die Stadt, das den umliegenden Stadtraum bereichert.“

Peter Pätzold, Architekt und seit 2015Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Leiter des Referats Städtebau, Wohnen und Umwelt: „Wir haben im Vorfeld mit dem Eigentümer ausführlich das Thema Erhalt diskutiert. Auch wurde vom Landesamt für Denkmalschutz die Denkmaleigenschaft des Gebäudes geprüft, aber dann am Ende negativ beschieden. Der Eigentümer hat im Ausschuss auch die Gründe vorgestellt, warum das Gebäude nicht erhalten und ertüchtigt werden kann. Dies fand eine große Mehrheit im Ausschuss nachvollziehbar und wir als Verwaltung auch.

Es ist aber noch offen, wie weit ein Rückbau erfolgen soll. Zumindest die Untergeschosse sollen erhalten bleiben. Die Lage des Grundstücks direkt am Schlossplatz, neben dem Kunstmuseum, erfordert hier eine hohe gestalterische Qualität, die ein Wettbewerbsverfahren sichern soll.

Stuttgart-AlbumEin Schlossplatz ohne Wittwer? Für Generationen in Stuttgart kaum vorstellbar

Das bestehende Gebäude wurde damals in einer anderen Umgebung geplant (Tunnel, Straße, etc.). Daher gibt es heute bei den Anschlüssen städtebaulich mangelhafte Bereiche, wie der Anschluss an die Freitreppe desKunstmuseums. Unser Ziel ist es bei diesem Projekt auch diese Bereiche gestalterisch zu lösen und zu verbessern. Der Anschluss des öffentlichen Raums an ein neues Gebäude auf diesem Grundstück ist deshalb aus unserer Sicht ein wichtiges Ziel.“

SOS BrutalismusDie Initiative begann vor elf Jahren als architektonisches Projekt, heute ist es eine bekannte Initiative: #SOS Brutalism. Die Bewegung kämpft vor allem mit Hilfe der Sozialen Medien für den Erhalt eines umstrittenen wie gefeierten Baustils, der vor allem unsere urbanen Zentren seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts prägt.

BrutalismusUnverputzter Beton, sichtbare Konstruktionen und freiliegende Grundrisse: Das sind die typischen Attribute, die man mit dem Brutalismus verbindet. Der Begriff leitet sich aus dem Französischen „béton brut“ ab und bedeutet so viel wie „roher Beton“ – das charakteristische Material dieser Bauweise. Nun hat die Initiative #SOS Brutalism Stellung bezogen zu den Abrissplänen für einen wichtigen Stadtbaustein am Schlossplatz: dem Wittwer-Gebäude.

Das Wittwer-Gebäude, die Calwer Passage, die Breuninger-Kuppel: Mit prominenten Bauten wie diesen hat der Architekt Hans Kammerer (1922-2000) Stuttgart geprägt. Zum hundertsten Geburtstag rückt eine informative Ausstellung sein Werk in den Fokus.

Martin Haas wählt in unserer Reihe „Ein Architekt zeigt sein Stadt“ einen merkwürdigen Lieblingsort der Stuttgarter. Auf der Treppe vor dem Wilhelmspalais spricht er darüber, was er von Günter Behnisch gelernt hat und wie die Stadt künftig aussehen wird.

Der Stuttgarter Architekt Sascha Bauer erforscht die Geschichte von Architekturjuwelen und ermöglicht ihnen ein Weiterleben – wenn er sich nicht gerade in Umbau-Debatten einmischt.

Der Schlossplatz ohne Wittwer? Viele Buchfans in Stuttgart können sich dies kaum vorstellen. Der Umzug aber steht fest. Wir blicken auf die Historie eines besonderen Buchhauses.

“Weder zeitgemäß noch verantwortungsvoll“ – Architekten über Wittwer-Abriss

Frühlingsfest StuttgartNewsblog: Studierende bevorzugen Bier statt Lebkuchenherzen im Festzelt

Nostalgische ZugfahrtMit kräftiger Rauchfahne: vom Stuttgarter Hauptbahnhof hinauf nach Vaihingen

Frühlingsfest in StuttgartEs darf gefeiert werden – das sind die schönsten Bilder vom Cannstatter Wasen

Trachten-Trends 2026Das ist das angesagteste Dirndl-Accessoire auf dem Frühlingsfest

Stuttgarter FrühlingsfestPartyzone Frühlingsfest – Das sind die Highlights in den Festzelten

Wärmeplanung in StuttgartDegerloch macht der Stadt Stuttgart ein konkretes Angebot zur Energiewende

Stuttgarter FrühlingsfestDas Bier ist zu teuer? Mehr Transparenz wagen

Orientierungslose JugendlicheEltern zahlen 1000 Euro für einen Berufscoach – „Blick von außen ist wichtig“

Neues Restaurant in LudwigsburgMet, Magie und Zwiebelrostbraten: So gut isst man im „Sorglosen Kobold“

Das Frühlingsfest öffnet für die kommenden drei Wochen seine Pforten. Wir begleiten die Wasengaudi mit einem Newsblog.

Am Sonntag transportiert eine 84 Jahre alte, 2000 PS starke Dampflok Eisenbahn-Fans vom Stuttgarter Hauptbahnhof hinauf nach Vaihingen. Wir sind mitgefahren.

Fahrgeschäfte, Festzelte, Musik und Maß: Drei Wochen wird auf dem Cannstatter Wasen das 86. Stuttgarter Frühlingsfest gefeiert. Wir zeigen die schönsten Fotos.

Das Stuttgarter Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen hat begonnen. Wir haben zwei Modeexpertinnen gefragt, was man dieses Jahr im Bierzelt tragen sollte – und was so gar nicht geht.

Die Krüge hoch! Das Stuttgarter Frühlingsfest ist gestartet und damit auch das Feiern auf dem Cannstatter Wasen. Ein Überblick über die besten Partys in den Festzelten.

Parteiübergreifend kritisieren Degerlocher die Wärmeplanung für Stuttgart als zu klein gedacht. Ein Arbeitskreis bietet der Stadt nun Hilfe an und legt eigene Ideen vor.

Das Frühlingsfest ist attraktiv. Die Leute kommen. Trotzdem jammern alle. Was tun? Es braucht mehr Klarheit bei Kosten und Umsätzen, findet Redakteur Frank Rothfuß.

Eltern wünschen sich für ihren Nachwuchs eine gute Zukunft. Für ein professionelles Berufecoaching greifen manche tief in die Tasche. Was bringt das?

In Ludwigsburgs neuer Fantasy-Taverne treffen Rollenspiel-Fans auf Bio-Schnitzel vom Hällischen Schwein. Wir haben die „Abenteuerplatte“ und das besondere Konzept getestet.