Thomas Roth, Steinheim, bringt mittelalterliche Nyckelharpa international ins Rampenlicht, fusioniert Klassik, Rock, Folk; beeindruckt u.a. Ritchie Blackmore; Albumproduktion mit Alex Krull; innovative Stilvermischung, Offenheit für Crossover-Projekte. Thomas Roth aus Steinheim: Unser Mann an der Nyckelharpa - Kultur Thomas Roth aus SteinheimUnser Mann an der Nyckelharpa Thomas Roth aus Steinheim ist ein virtuoser Werbebotschafter für ein mittelalterliches Musikinstrument und beeindruckt damit auch den Ex-Deep-Purple-Gitarristen Ritchie Blackmore. Irgendwann holtThomas Rothendlich dieses seltsame Instrument mit dem seltsamen Namen hervor, über das wir schon seit einer guten Stunde sprechen: die Nyckelharpa. Und wer sich schon über das Aussehen dieses kuriosen Musikgeräts wundert, das den Eindruck erweckt, dass da ein verrückter mittelalterlicher Mechaniker einfach eine Drehleier und eine Geige aneinandergehämmert hätte, der wird noch mehr staunen, wenn Thomas Roth anfängt zu spielen. Während er mit dem Bogen in seiner rechten Hand elegant über die Saiten streicht, flitzen die Finger seiner linken am Hals der Nyckelharpa entlang, drücken Tasten, die dort an der Unterseite in vier Reihen angeordnet sind und lassen so einen eigentümlich-einzigartigen Klangkosmos entstehen. Ein musikalisches Überbleibsel aus dem Mittelalter „Mit dem Bogen erzählen wir die Musik, die linke Hand sind nur die Worte“, sagt Roth, als er das Instrument absetzt. Die Nyckelharpa, die auch Schlüsselgeige oder Tastenfidel genannt wird, ist tatsächlich ein Überbleibsel aus dem Mittelalter. Ein Steinrelief am Portal einer Kirche im schwedischen Gotland aus dem 14. Jahrhundert gilt als eine der ersten Abbildungen einer Nyckelharpa. Und die, die Roth jetzt wieder vorsichtig auf den Ständer stellt, hat Esbjörn Hogmark für ihn angefertigt – einer der berühmtesten Nyckelharpa-Bauer der Welt, der einmal gesagt hat: „Thomas Roth hat zweifelsfrei die Nyckelharpa in völlig neu Bereiche geführt.“ Das hat zum einen damit zu tun, dass es nur wenige gibt, die dieses mechanisch hochkomplexe Instrument so virtuos bedienen können wie Thomas Roth, der, wenn er gerade nicht als musikalischer Botschafter für die Nyckelharpa durch die Welt reist, im beschaulichen StädtchenSteinheim an der Murrzu Hause ist. Zum anderen aber damit, dass dieses Instrument für ihn kein historisches Relikt, sondern ein offenes System ist. Eines, das er seit Jahren erweitert. Wer’s nicht glaubt, sollte sich mal das Solostück „Ingredients“ auf Thomas Roths neue, Album „Maskenball“ anhören, in dem es ihm grandios gelingt Johann Sebastian Bachs Toccata in d-Moll auf das Riff aus Deep Purples „Smoke on the Water“ treffen zu lassen. Thomas Roth unterscheidet nicht zwischen Klassik, Folk oder Rock Er ist einer, der sich nicht festlegen lassen will: „Ich spiele eigentlich alles, was ich jemals gehört habe“, sagt Roth. Klassik und Folk, Rock, Welt- und Filmmusik fließen bei ihm ineinander. Für ihn ist das kein Stilbruch, sondern folgerichtig: „Musik unterliegt eigentlich immer denselben Regeln. Harmonisch, melodisch, rhythmisch – die Basics sind da.“ Konzert in StuttgartFahrt im Drachenboot: So war’s bei Feuerschwanz in den Wagenhallen Diese Offenheit hat viel mit seinem eigenen Weg zu tun. Roth ist streng klassisch geprägt, hat in Stuttgart an der Musikhochschule Operngesang studiert– und hat sich dann bewusst davon gelöst. „Ich habe dann alles hingeworfen“, sagt er. Es ist ein Satz, der nüchtern klingt, aber einen radikalen Schritt beschreibt. Weg von vorgezeichneten Bahnen, hin zu einem eigenen Verständnis von Musik. Ein Verständnis, das sich nicht in Kategorien pressen lässt. Mittelalterband Des Geyers Schwarze Haufen Seine musikalische Laufbahn beginnt ohnehin ganz anders. In den 1980ern fängt Roth an in der Mittelalterband Des Geyers Schwarzer Haufen zu spielen, einer Formation, die weit über die Grenzen der Szene hinaus Bekanntheit erlangte. „Das ging sehr rasch nach oben“, erinnert er sich. In einer Medienlandschaft mit nur drei TV-Kanälen war die Band ungewöhnlich präsent. Es war eine intensive Zeit, geprägt von Aufbruch und Experiment. „Das waren wunderbare, wilde Jahre“, sagt er heute und meint damit sowohl seine Zeit als Frontmann und Multiinstrumentalist bei Des Geyers Schwarzer Haufen als auch auf bei der Nachfolgeband Geyers, bei der alle bis auf einen der Schwarzer-Haufen-Musiker mit dabei waren. Nicht dabei war anfangs aber die Nyckelharpa. Die entdeckt er eher zufällig: „Ein verregneter Samstagnachmittag“, erinnert sich Roth. Im Fernsehen sieht er zwei schwedische Musiker. „Ich dachte: Das ist ja geil, was ist das denn?“ Die Faszination ist sofort da, der Einstieg allerdings ernüchternd: „Ich hatte das Ding umhängen und es war furchtbar.“ Dass er trotzdem geblieben ist, liegt an seiner Beharrlichkeit. „Das Üben hört nie auf. Auf jedem Instrument kann man sich immer noch verbessern, egal, welches Level man gerade erreicht hat.“ Vielleicht liegt genau darin sein Alleinstellungsmerkmal: Roth denkt das Instrument nicht von seiner Tradition her, sondern von seinen Möglichkeiten. „Ich spiele einfach meins“, sagt er. Entscheidend sei immer die Frage: Was klingt gut auf dem Instrument? Daraus entsteht ein Stil, der sich bewusst zwischen den Welten bewegt – und der sich nicht über Tempo oder Virtuosität definiert. Wichtiger sei, dass Musik berührt – „Musik ist keine reine Kopfsache: Sie soll im Magen und im Herzen wirken.“ Dass dieses Instrument überhaupt immer noch für viele eine Entdeckung ist, treibt ihn zusätzlich an. „Es ist unglaublich, wie viele Leute die Nyckelharpa nicht kennen“, sagt er. Und zugleich, wie schnell sie Menschen fasziniert. Für Roth ist das Ansporn: „Die Nyckelharpa hat es verdient, international bekannt zu sein.“ Und daran arbeitet er schon seit langem: Dass er mit seinem Nyckelharpa-Spiel schon Menschen im Pariser Olympia Music Hall genauso wie im House of Blues in Chicago begeistern konnte, hat auch damit zu tun, dass Ritchie Blackmore – ja, der Ex-Gitarrist vonDeep Purple, der das legendäre „Smoke on the Water“-Riff erfunden hat, ein Fan von ihm ist und ihn schon oft als Vorprogramm für Blackmore’s Night mit auf Tour genommen hat. Roth traf Blackmore das erste Mal in den 1980er Jahren zufällig auf der Götzenburg in Jagsthausen und gibt zu: „Ich kannte ihn gar nicht!“ Aber immerhin kannte er „Smoke on the Water“. Aus dieser ersten Begegnung entsteht eine langjährige Freundschaft. Was Roth von Anfang an nachhaltig beeindruckt, ist weniger der Ruhm als die Präsenz Blackmores: „Das war eine unfassbare Einheit. Das war nicht ein Mensch und ein Instrument – Ritchie und seine Strat waren eins.“ Ein Ideal, das auch für sein eigenes Spiel prägend geworden ist. Zusammenarbeit mit Alex Krull von Atrocity Doch obwohl Steinheim an der Murr nicht unbedingt als kultureller Hotspot gilt – es sei denn, man interessiert sich fossile Schädel – wurde Roth vor Ort fündig, als er nach einem Produzenten für sein neues Album suchte. Beziehungsweise er traf ihn zufällig zwischen Feldern, Wald und den Hügeln rund um Schloss Schaubeck an dem Steintisch, an den er sich gerne zurückzieht, um an seiner Musik zu arbeiten. Wie Roth lebt Alex Krull in Stuttgart. Er ist Sänger der international erfolgreichen Metalband Atrocity, die er 1985 gegründet hat. Und in Steinheim befindet sich Krulls Tonstudio. Auf dem Album „Maskenball“ verschafft Alex Krull Thomas Roths Nyckelharpa-Spiel und Instrumental-Songs, die „Le Grand Louis“, „Jerusalem“ „Swedish Pictures“ oder „Seasick Sailor“ heißen und Klassik, Folk, Weltmusik und Rock vermengen, eine enorme klangliche Wucht. Krull ist aber auch für das Video zum Song „Maskenball“ verantwortlich, in dem die Unersättlichkeit einer dekadenten Feiergesellschaft vorgeführt wird, die Dollarscheine verschlingt – eine Story, die verblüffende Ähnlichkeiten mit der des Songs „Mammon“ hat, den Thomas Roth vor vielen Jahren mit Geyers für das Album „Königsweg“ aufgenommen hat, obwohl Krull dieses Stück gar nicht kannte. Und wohin es diesen Werbebotschafter der Nyckelharpa als nächstes verschlagen wird, weiß er wahrscheinlich selbst nicht so genau. Fest steht nur, dass er, kaum ist „Maskenball“ veröffentlicht, schon weiter denkt. Genug Material für das nächste Album hat er schon zusammen. „Nach der CD ist vor der CD“, sagt er. Nyckelharpa trifft Elektro und Shakespeare Doch unabhängig davon, ob er sich wieder mit dem Musiker Stephen Elzenbeck zusammentut, um die Klänge seines Jahrhunderte alten Instruments auf elektronische Beats treffen zu lassen oder ob er, wie vor wenigen Tagen im Stuttgarter Theaterhaus, seinen Kumpel Bernd Lafrenz bei einem Shakespeare-Programm begleitet – Thomas Roth ist keiner, der sich damit zufriedengibt, stehenzubleiben. Sondern einer, der immer weiter sucht, weiter die Nyckelharpa spielt, um mit dem Bogen in der rechten Hand die Wörter, die er mit der linken ertastet, zu immer neuen Geschichten zusammenzufügen. Die achtköpfige Gruppe aus Erlangen zelebriert ein Mittelalter-Rock-Spektakel vom Feinsten – auch wenn echter Met fehlt. Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert in den Wagenhallen. Unser Mann an der Nyckelharpa Ballett StuttgartBirgit-Keil-Preis 2026 geht an den Tänzer Riccardo Ferlito Konzerte im WizemannEnnio: „Ich war schon öfter in Stuttgart und bin großer Fan“ Staatsgalerie StuttgartWie reagiert Fotografie auf das öffentliche Morden in den Stadtparks Teherans? Hommage des Stuttgarter BallettsBirgit Keil über Glen Tetley: „Seine Arbeit war absolut bereichernd“ Neu im Kino: „Michael“Michael Jacksons Weg zum Superstar Abschiedstour 2027Küssen verboten? Die Prinzen danken ab – und kommen nach Stuttgart Filmfestival CineLatinoLatino-Filmwelt zu Gast in Tübingen und Stuttgart Theater im KlassenzimmerTische zusammenschieben und Theater spielen Staatstheater StuttgartOpernhaus-Sanierung in Stuttgart: ein ewiger Aprilscherz? Riccardo Ferlito, Halbsolist des Stuttgarter Balletts, darf sich über den Birgit-Keil-Preis 2026 freuen. Übergeben wird die Auszeichnung nach einem besonderen Auftritt. Im Interview spricht Sänger Ennio (26) über seine Entscheidung gegen Streamingplattformen, Heimweh und den Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Was kann Dokumentarfotografie? Die 15. Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung bringen überraschende Bilder in die Staatsgalerie Stuttgart. Das Stuttgarter Ballett tanzt von Samstag an „Tribute to Tetley“ im Opernhaus. Kammertänzerin Birgit Keil blickt zurück auf ihre Arbeit mit dem amerikanischen Choreografen. Der Musikfilm „Michael“ bietet wenig Neues über das Leben von Popikone Michael Jackson. Für Fans liefert das Werk mit dem fabelhaften Jaafar Jackson viel Stoff, um zu schwelgen. Nach über 30 Jahren sagen Die Prinzen „Tschüssi, macht’s gut!“: Die Band kommt 2027 auf Abschiedstour – mit Stopp in Stuttgart: Alle Termine und Ticketinfos im Überblick. Die Filmwelt Lateinamerikas zu Gast im Südwesten: In diesem Jahr zeigt das CineLatino Filme etwa aus Uruguay, Chile, El Salvador, Mexiko und Kuba. Der Leiter verrät die Details. Das Junge Ensemble Stuttgart geht mit Stücken direkt ins Klassenzimmer. Wie reagieren die Sechstklässler in Degerloch auf das Thema Transidentität? Stuttgart spart sich die Kultur. Das weckt Appetit. Warum für die Staatstheater mitzahlen, fragt die SPD. Ja, warum eigentlich? Vielleicht aus Stolz? Ja, warum eigentlich nicht? --- Source: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.thomas-roth-aus-steinheim-unser-mann-an-der-nyckelharpa.704981df-6e8a-43a9-8b0c-6769c38e32d4.html sdDatePublished: 2026-04-22T12:30:00Z Topics: music, musical performance, folk music Locations: Tübingen, Damāvand, Illinois, Sweden, Cuba, Erlangen, Mexico, Chile, Stuttgart, Île-de-France, Gotland, Uruguay, El Salvador, Heilbronn, Ludwigsburg