Georg Ringsgwandl präsentiert neue Platte „Schawumm!“ nach Jahren Verzögerung, thematisiert stillen Folkrock, Vergänglichkeit, Verlust, Humor auf Tour in Südwestdeutschland; persönliche Erlebnisse beeinflussen Songs; Live-Auftritte voller Spontanität.
Konzert in Stuttgart: Georg Ringsgwandl: „Wenn man es weinerlich vorträgt, wird es unerträglich“ - Kultur
Konzert in StuttgartGeorg Ringsgwandl: „Wenn man es weinerlich vorträgt, wird es unerträglich“
Nach seinem großartigen Konzert in Karlsruhe kommt Georg Ringsgwandl am Sonntag, 26. Mai, ins Theaterhaus Stuttgart. Dazwischen hat er am Telefon die Vorteile leiser Musik erklärt.
Fünf Jahre später als geplant und fast zehn Jahre nach seinem letzten Studioalbum mit neuen Liedern hatGeorg Ringsgwandlim vergangenen Dezember eine neue Platte veröffentlicht. Sie heißt „Schawumm!“ und gehört zum Eindringlichsten, Plausibelsten, schlicht Besten, was der einst als Oberarzt am Klinikum Garmisch-Partenkirchen praktizierende Kardiologe in den 40 Jahren seines musikalischen Schaffens aufgenommen hat. Und dann präsentiert er die neuen Lieder zum Auftakt des Südwestdeutschland-Abschnitts seiner „Schawumm!“ betitelten Tournee im Karlsruher Tollhaus so wohltuend leise, dass keine Kickdrum Ohrenschmerzen verursacht und keine Gitarre Kopfweh. Wenn man ihn am nächsten Morgen anruft und fragt, ob er erst 77 werden musste, um sich zu trauen, live in Zimmerlautstärke zu musizieren, dann antwortet er: „Letzten Endes ja. Wir haben Jahre lang an einer möglichst leisen Akustik gearbeitet, damit es ein schönerer Gesamtklang ist. Das ist schwieriger, als man denkt.“
Er hat mittels radikaler Reduktion einschlägige Vorkehrungen getroffen: Sein Schlagzeuger wäre mit seinem einzigen Becken und einer einsamen Tom das Gespött derHeavy-Metal-Drummer, aber Georg Ringsgwandls bluesgetränkten und funkverzierten Bajuwaren-Folkrock bringt er unglaublich versiert zum Grooven: „Tommy Baldu ist einer der besten Schlagzeuger im deutschsprachigen Raum“, sagt Ringsgwandl am nächsten Morgen, „du kannst Schlagzeuger in Brigadenstärke haben, die im Stadion drauf fetzen, aber das ist ja alles von einer großen Idiotie. Aber leise spielen, sodass es groovt, können nur wenige.“
Georg Ringsgwandl verbindet Tanz und Tod
Weil Daniel Stelter (Gitarre und Mandoline) und Christian Diener (Bass) dieses Kunststück ebenfalls beherrschen, vermag die leise Band die Kleinodien ihres schrammelnden Chefs zu hinreißenden Herzenstänzen zu veredeln. „Beim Tanzen verrecken“ würde er gerne, singt Georg Ringsgwandl inKarlsruhemit versöhnlich einschneidender Stimme in einem seiner neuen Lieder, das Vergänglichkeit mit lakonischem Humor kommentiert.
„Wenn man es weinerlich vorträgt, wird es unerträglich“, sagt Georg Ringsgwandl am Morgen danach und fährt nach einem Erdbeben-Räuspern fort: „Dann nimmt man sich selbst zu wichtig. Unsere verwöhnte Generation beklagt sich darüber, dass wir mit 85 ins Gras beißen müssen. Aber das ist billig, weil wir wissen, dass auf der Welt Hunderttausende jung sterben, ohne dass ein Hahn danach kräht.“
Thomas Roth aus SteinheimUnser Mann an der Nyckelharpa
Die Endlichkeit hat auch die Fertigstellung und die Veröffentlichung seiner neuen Platte um Jahre verzögert, deren Erscheinen er auf der Bühne mit poetischer Logik begründet: Die neuen Lieder hätten eine Heimat gesucht. „Erst die Covid-Geschichte“, erzählt er am Telefon, „dann eine familiäre Katastrophe“. 2022 ist seine Frau gestorben, die er Jahre lang gepflegt hatte. In einem Fernsehinterview sagte Georg Ringsgwandl neulich, dass er nach einemKonzertin Karlsruhe oderStuttgartnicht wissen könne, ob es das letzte gewesen sei. Nach seinem grandiosen Konzert in Karlsruhe verabschiedet er sich jedoch mit den tröstlichen Worten „Bis nächstes Mal“, von seinem begeisterten Publikum. „Das war melancholisch kokettiert“, so relativiert er die Abschiedsformel am Morgen danach, „die Wahrheit ist, dass man es nicht weiß“.
Als der Rockkabarettist nach der halbstündigen Pause imKarlsruherTollhaus (in der er geduldig Platten signiert) auf die Bühne zurückkehrt, betrachtet er seinen übers Knie hängenden Gitarrengurt und sagt: „Ich lass das so runterhängen, weil das sieht sehr gut aus.“ Dann assoziiert er sich vom Hundertsten ins Tausendste, fabuliert von einem Schwarzwälder oder vielleicht auch peruanischen Muster auf dem Gurt, fantasiert von Reiseleiterinnen aus dem Schwarzwald, die in Peru in Gefangenschaft geraten sein könnten oder umgekehrt. Urkomisch ist das alles – und spontan! „Das Zeug, das mir gerade so ins Hirn springt, trifft manchmal auf bizarre Weise eine Resonanzsaite bei den Leuten, und die lachen dann plötzlich“, erklärt er am nächsten Tag, „das gehört zu den Magien bei einem Live-Abend, die du durch elektronische Medien nicht ersetzen kannst.“
Aber auch die neue Platte „Schawumm!“ birst schier vor Witz und Ironie, die sich im drittletzten Song „Erinnern“ zu einer Art sympathisch sarkastischen Resignation verdichten. Danach entledigt sich Georg Ringsgwandl des Kabarettisten in sich für die letzten beiden wahrhaftigen Liebeslieder, die „Lied für dich“ und „Wo bist du“ heißen. Bei seinem kathartischen Konzert in Karlsruhe erspart er seinem Publikum das unfassbar berührende allerletzte Lied, das von der Situation nach dem Tod seiner Frau inspiriert wurde. Aber die kaum weniger intensive Eindeutschung von Leon Russells „A Song For You“ mutet er den Karlsruhern zu – alleine mit seiner zum Abschied akkurat gezupften und überhaupt nicht mehr schlampert geschlagenen Gitarre.
„Wenn der Abend nur Gaudi und Tralala ist, dann fehlt ihm etwas“, sagt er am nächsten Tag. Andererseits: „Es ist auch nicht so, dass unser Leben nur aus Traurigkeit darüber besteht, dass alles endlich ist – was natürlich eine unendlich traurige Geschichte ist, angesichts der ungeheuren Freude, die das Leben macht.“ Wenn man sich mit Georg Ringsgwandl über existenzielle Angelegenheiten unterhält, werden einem nicht selten pragmatische Lösungen angeboten: „Ohne die Hintergrundfärbung von Leiden, Grausamkeit, Schmerz und Tod gibt’s keinen wirklichen Humor. Und Humor ist die Fähigkeit, dass du angesichts unabänderlicher Zustände trotzdem sagst, es ist zwar alles eine Katastrophe, aber jetzt gemma mal zu dem schlechten Italiener rüber.“
Und Konzerte des alten Mannes mit der jägergrünen Krawatte unter dem farblich passenden Hut sind wie sehr gute Unterhaltungen – allerdings ohne die Verpflichtung, sich Repliken auf telefonische Einwürfe wie diesen einfallen lassen zu müssen: „Der Tod ist ein Reich, das wir nicht kennen, und vor dem wir Angst haben, weil wir nichts anderes kennen als diese Existenz – und die kann von einer unglaublichen Schönheit und von unglaublichen Reichtum sein.“
Wobei, auf der Bühne präsentiert sich Georg Ringsgwandl seiner Genialität zum Trotz bescheiden: Er werde nun einen Song „zu Gehör bringen“, sagt er einmal – und korrigiert sich sofort: „zu Gehör bringen zu können hoffen.“ Dann singt er wieder von einem dieser Außenseiter, dessen Überlebenskampf noch sympathischer erscheint, seit es der Doktor wagt, seinem Publikum auch die Hysterie der Innenseiter zu injizieren. Der besungene Typ fährt übrigens ein Auto, das „Schawumm!“ macht.
Thomas Roth aus Steinheim ist ein virtuoser Werbebotschafter für ein mittelalterliches Musikinstrument und beeindruckt damit auch den Ex-Deep-Purple-Gitarristen Ritchie Blackmore.
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